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Safer Internet Day 2015

„Was sind uns Werte im Internet wert?“

Interview mit Prof. Petra Grimm und Birgit Kimmel

Anlässlich des Safer Internet Days erscheint das neue klicksafe‐Unterrichtsmodul zum Thema Medien‐Ethik. Entwickelt wurde es gemeinsam mit dem Institut für digitale Ethik (IDE) an der Hochschule der Medien (HdM) Stuttgart.

Im neuen klicksafe‐Unterrichtsmodul geht es um Medienethik. Was kann man sich darunter vorstellen?
Birgit Kimmel: Im Rahmen unserer medienpädagogischen Arbeit mit Jugendlichen und in der Auseinandersetzung mit deren Nutzungsverhalten im Internet stoßen wir immer wieder auf die gleichen Fragen: Was sollen wir bei Konflikten tun? Wie sieht verantwortungsvolles Verhalten im Internet aus? Das heißt, es geht hier immer auch um wertebezogenes Handeln im Netz. klicksafe wollte sich deshalb damit auseinandersetzen, wie eine wertebezogene Medienkompetenz gefördert werden kann und welche Unterstützung Jugendliche konkret benötigen, um Haltungen entwickeln zu können, um verantwortlich im Netz zu handeln.
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Bei der Entwicklung des Unterrichtsmaterials „Ethik macht klick“ haben Sie mit den Themen „Privatsphäre und Big Data“, „Verletzendes Online‐Verhalten“ und „Mediale Frauen‐ und Männerbilder“ drei inhaltliche Schwerpunkte gesetzt. Warum haben Sie ausgerechnet diese ausgewählt?
Prof. Petra Grimm: Das sind drei Themenbereiche, in denen insgesamt ein großer Handlungsbedarf besteht und Wertekonflikte virulent sind. Hierbei geht es nicht um kurzfristige Phänomene, sondern um konkretes Alltagshandeln mit zum Teil langfristigen Folgen. Jugendliche Nutzer müssen erst einmal dafür sensibilisiert werden, dass ihr Online‐Verhalten Auswirkungen auf ein gelingendes Leben hat. Wie ich mich im Netz darstelle, verhalte und mit anderen umgehe, hat Einfluss darauf,
inwieweit ich mein Leben selbstbestimmt gestalten kann.
Warum brauchen wir Werte im Internet?
Prof. Petra Grimm: Grundsätzlich bilden Werte die Grundlage für unser Zusammenleben in der Gesellschaft. Insbesondere im Internet brauchen wir ein stabiles Wertegerüst zur Orientierung, da sich ein allgemein akzeptierter Verhaltenskodex noch nicht herausgebildet hat und sich die Durchsetzung solcher Regeln als schwer erweist. Die Verantwortung liegt also bei allen Beteiligten – Anbietern und Nutzern.
Im Unterrichtsmaterial heißt es „Online‐Gewalt“ ist reale Gewalt. Hass‐Kommentare, Drohungen, Cybermobbing und Shitstorms sind im Netz gang und gäbe. Was kann man tun?
Birgit Kimmel: Wir führen Jugendliche in einen Prozess, der ermöglichen soll zu erkennen, welche Regeln im Netz gelten sollten und wie sich jeder verhalten müsste, damit niemand geschädigt oder verletzt wird. Dazu gehört am Anfang erst einmal, Jugendliche zu sensibilisieren, welche Handlungen Menschen verletzen können und dann auch zu hinterfragen, welche Rollen es in Konfliktsituationen gibt und aus welchen Motiven heraus Menschen andere verletzen oder schlecht behandeln. Über das Arbeiten mit Fallgeschichten möchten wir einen Perspektivenwechsel erreichen, um sich in die Situation des Gegenübers zu versetzen. Das Ziel ist hierbei, Mitgefühl entwickeln zu können. Auf dieser Basis kann man sich dann über Handlungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen: Was heißt es, Verantwortung zu übernehmen? An welchen Idealen soll ich mich orientieren, wenn ich mit Online‐ Konflikten zu tun habe? Wie sollte eine ideale Online‐Community aussehen? Dieser Prozess braucht Zeit und ist nicht in einer Schulstunde zu erreichen.
Welche Folgen hat es, wenn man sich live in seinen privatesten Räumen zeigt, wie z.B. bei YouNow?
Birgit Kimmel: Mit der Video‐Live‐Streaming‐Plattform YouNow entsteht eine neue Dimension der Privatheitsproblematik, weil Kinder und Jugendliche dort ihren Alltag und dessen intime Details live per Video öffentlich zeigen. Die Videos werden aus ihren Kinder‐ oder Schlafzimmern oder sogar auch aus dem Klassenzimmer gesendet. Um Likes und Anerkennung zu bekommen, werden häufig auch Mut‐ und Schmerzproben gezeigt. Die jungen Nutzer verraten ihr Alter, ihren Wohnort und geben Privates und Intimes preis. Viele von ihnen sind live sexuellen Belästigungen und Beleidigungen ausgesetzt. Andere können direkt sehen, wie sie reagieren. Es sind viele junge Nutzer auf dieser Plattform, die besonders verletzbar sind. Solche Plattformen sind offene Tore für Trolle und auch Pädophile.
Für das Unterrichtsmaterial haben Sie eine medienethische Roadmap erstellt. Warum spielt der Posten „Wertekonflikte“ hier immer wieder eine wichtige Rolle?
Prof. Petra Grimm: Die medienethische Roadmap ist ein mehrstufiger Prozess, in dem Jugendliche dabei unterstützt werden, sich über richtiges Handeln im Netz Gedanken zu machen und eine eigene Haltung zu entwickeln. Zentral hierfür sind die Wertekonflikte. Ein solcher liegt beispielsweise vor, wenn mir einerseits soziale Teilhabe und Verbundenheit mit meinen Freunden wichtig sind, ich andererseits aber meine Privatsphäre schützen möchte. Entscheide ich mich also z.B. für oder gegen die Nutzung von WhatsApp? Hilfestellung für die Entscheidungsfindung bietet die medienethische Roadmap.