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„Digitale Ethik – wozu brauchen wir sie?“

Prof. Dr. Petra Grimm

Die Entwicklung hin zu einer digitalen Gesellschaft, die always-on ist, also zunehmend digital interagiert, hat den Handlungsspielraum der Nutzer erweitert: Nicht mehr nur Medien- und Kommunikationsinhalte zu rezipieren, sondern sich selbst in den Medien präsentieren und Inhalte produzieren zu können, bedeutet ein Mehr an kommunikativer Freiheit, aber auch an Verantwortung. Wie ich mich in der digitalen Welt verhalte, welche Haltung ich habe und wie ich mit Konflikten umgehe, ist Ausdruck meines persönlichen Ethos und meiner Reflexionsfähigkeit. Die Phänomene Cybermobbing und Hate-Speech, aber auch Big-Data und die Algorithmisierung von Verhalten, Meinungen und Identitäten sind Beispiele dafür, dass nicht allein technisches Wissen im Umgang mit Medien für ein gelingendes Leben in der digitalen Gemeinschaft ausreicht. Vielmehr braucht es Orientierung und ein relativ stabiles Wertegerüst, um sich durch die Online-Welt sicher navigieren zu können.
Wenn wir von Digitaler Ethik sprechen, was meinen wir eigentlich damit? Die Digitale Ethik ist eine Erweiterung der allgemeinen Medienethik. Sie versucht, Verhalten im digitalen Leben („Onlife“) auf seine Verantwortbarkeit hin zu untersuchen und reflektiert die Bedingungen für ein gutes, gelingendes Leben. Zu den Aufgaben einer Digitalen Ethik gehört es, die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft und den Einzelnen zu diagnostizieren und konsistente Begründungen für moralisches Handeln und normative Standards zu erarbeiten. Des Weiteren kann sie bei Werte- und Normenfragen, die mit neuen Technologien und den daraus resultierenden sozial-kommunikativen Praktiken verbunden sind, als Navigationsinstrument dienen. Ihr Ziel ist es, eine wertebezogene Digitalkompetenz zu fördern.

Zukünftig stellen sich vor allem folgende Herausforderungen, die ohne eine Digitale Ethik nicht zu bewältigen sind:
1. Big Data und Privatsphäre; hier geht es um den möglichen Verlust der fundamentalen Werte Selbstbestimmung und Autonomie. Wenn der Einzelne nicht mehr kontrollieren kann, wer was in welchem Zusammenhang über ihn weiß, beeinträchtigt dies nicht nur die individuelle Handlungsfreiheit, sondern auch das Gemeinwohl, da ein freiheitlich
demokratisches Gemeinwesen auf die selbstbestimmte Mitwirkung seiner Bürger angewiesen ist.
2. Verletzendes Kommunikationsverhalten im Netz, wie z. B. Cybermobbing, Hate-Speech und sexuelle Belästigung, wird nur mit einer intensiven Förderung ethischer Digitalkompetenz in Schule, Aus- und Weiterbildung minimiert werden können.
3. Wir müssen uns entschiedener über die Bedeutung von personalisierten Informationen und Nachrichten durch Suchmaschinen und sog. soziale Medien Gedanken machen. Eine freie Meinungsbildung ist in „Filterbubbles“ nicht möglich. Die Gefahr von Manipulation und Informationsselektion ist noch kaum im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger vorhanden.
4. Um Gefährdungspotenziale durch Medieninhalte, wie extreme Gewaltvideos und Propaganda, zu reduzieren, bedarf es gemeinsamer Initiativen auf nationaler und supranationaler Ebene.
5. Eine weitere Herausforderung wird die Virtuelle Realität (Virtual und Augmented Reality) sein. Denn sie kann Einfluss auf unser Verhalten in der realen Welt, unser Bewusstsein und unsere Identität haben. Mit dieser erweiterten Realitätserfahrung sind zahlreiche ethische Fragen verknüpft, mit denen sich die Forschung, die Entwickler und Anwender auseinandersetzen sollten.

Aus Sicht der Digitalen Ethik stellt sich die Frage, wie wir mit den neuen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für Verantwortlichkeit umgehen sollen. Wie lässt sich eine gerechte Kultur des „Onlife“ erreichen?

Zentrale Meilensteine einer entsprechenden Agenda wären:
1. Ausbildung einer werteorientierten Digitalkompetenz,
2. Förderung von risikoarmen Technologien (Ethics by Design) und entsprechender Geschäftsmodelle,
3. Verständigung auf Regeln, an denen sich Nutzer wie auch Anbieter orientieren („10 Gebote der Digitalen Ethik“, Big Data-Kodizes).